Verantwortungsethik und Verkehrswende

Gastbeitrag - ein persönliches Essay von Dr. Christoph Golbeck

Verantwortungsethik und Verkehrswende
Demokratie ist kein Bürgerrecht. Der Sockel dieser Herrschaftsform ruht auf einer pluralen Zivilgesellschaft und unserem Glauben an die Gewaltenteilung. Wo ein freiheitlicher Staat aber von Voraussetzungen lebt, „die er selbst nicht garantieren kann“ (Böckenförde), stellt sich die Frage, wer es im 21. Jahrhundert dann vermag.
Kommt dem Inhaberunternehmertum dabei eine besondere Verantwortung zu?
 

Ein Mann feiert Siebzigsten.

Sein Betrieb wird im selben Jahr Vierzig.

Dein Vater lädt Dich und die gesamte Familie zu diesem Ehrentag ein.

Gemeinsam wird gefeiert und Bilanz gezogen. Ein Leben. Eine Familie. Ein Unternehmen.   

Was ergibt sich aus diesem Wirken zwischen zwei Welten, zwischen DDR und wiedervereinigtem Deutschland?

Was bewahrt ein Siebzigjähriger eigentlich aus vierzig Jahren Werkstattgeschichte?

Und überhaupt: Verschwand der Mann früh hinter der Maloche oder prägt der Gründer sein Geschäft nach wie vor progressiv? Ist es im einundsiebzigsten Jahr wichtiger, seinen Leidenschaften nachzugehen oder steht immer noch das betriebliche Lastenheft im Vordergrund? Lässt sich beides gar vereinbaren? Verschmilzt es nach 4 Dekaden einfach ineinander?


Inhabergeführte Unternehmen - schon immer auch Verantwortungsunternehmen
Wie immer im Leben kommt es bei der Beantwortung dieser Fragen vor allem auf den Menschen an. Wo sich die Verantwortung für Mitarbeiter*innen und Betrieb(e) nicht von der Vermögens- und Lebenssituation des Inhabers trennen lässt, sowohl im materiellen wie auch im ideellen Sinne, ist sowohl die Liebe wie auch die Leidenschaft des Gründers eng mit allen unternehmerischen Belangen verbunden. „Verantwortung übernehmen“ bedeutet dann oft und nicht nur in meiner Unternehmer-Familie, zwischen eigenen Wünschen und Betriebsentwicklung eine enge Verflechtung zuzulassen. So führt der Textil-Unternehmer Wolfgang Grupp seinen TRIGEMA-Konzern auch im stolzen Alter von 80 Jahren noch immer als eingetragener Kaufmann und haftet so mit seinem gesamten Privatvermögen.

Wenn es in inhabergeführten Unternehmen einen solchen direkten Zusammenhang zwischen Betriebsführung & Betriebswirksamkeit gibt, im Guten wie im Schlechten, könnte auch die Umsetzung der großen Transformation in weit höherem Maß als landläufig angenommen, vom Wollen & Wirken unser Unternehmerpersönlichkeiten abhängen. In dieser Lesart wäre auch Böckenfördes berühmter Verweis nur mit Blick auf die Integrität der Unternehmer*innen in unserer sozialen Marktwirtschaft zu verstehen.  

Wo Ethik durch die Anwendung moralischer Grundsätze im täglichen (Geschäfts-) Leben definiert wird, verbindet sich die Persönlichkeit von (Inhaber-) Unternehmer*innen genauso eng mit der Verfassung der Familie wie mit der Gestaltung von Arbeit und Firma. Diese Art der Verantwortungsethik lässt sich nur ganzheitlich verstehen. Sie richtet sich dabei, was oft übersehen wird, zunächst an die Gesellschafter*innen selber. Nur wenn die Unternehmerfamilie ein positives Verhältnis zu ihrem privaten Nukleus hat, zur eigenen Gesundheit und allen Bedürfnissen genauso wie zu erweiterten Anspruchsgruppen, kann es auch dem Unternehmen gut gehen.

Neben diesem Schutz ihrer Selbst und ihrer Familie ist es die vielleicht wichtigste Pflicht der Unternehmer*innen Sinn & Zweck des Geschäftsgegenstandes beständig sich verändernden Rahmenbedingungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt anzupassen. Im Moment des Generationswechsels sind grundlegende Erwägungen dieser Art besonders wichtig.

Im Gegensatz zur Gründer*innen-Generation oder den aktuellen Inhaber*innen stellen gerade die „Jungen“ oft zunächst einmal kritische Fragen nach dem Sinn und Zweck des Unternehmensgegenstandes. Nachfolgerinnen sehen die Welt und damit auch das (elterliche) Bestandsunternehmen mit anderen, weniger vorgeprägten Augen. Die strategische Ausrichtung der Unternehmensaktivitäten kann in einem solchen Augenblick des Gesellschafter*innen-Wechsels besonders zielführend auf den Prüfstand gestellt werden – sowohl aus betriebswirtschaftlicher wie auch aus globaler Perspektive. Vermeintlich „heilige Kühe“ überprüft schneller kritisch, wer diese nicht schon lange gemolken hat.

Nachfolger*innen hinterfragen daher nicht selten sehr objektiv das bestehende Ziele-, Zwecke- und Akteurs-Skelett langjährig gewachsener Unternehmen. Zudem lässt sich ganz grundsätzlich beobachten, wie in tradierten Unternehmen der Geschäftsgegenstand nicht selten einer fortwährenden Prüfung unterliegt. So werden öfter Diversifizierung und Erweiterung von Wertschöpfungsketten angestoßen – genauso wie das Outsourcing von Betriebsteilen.

Dergestalt befinden sich Unternehmer*innen mit ihrem Geschäftsbetrieb in einem wechselseitigen Geflecht aus Kooperations- und Austauschbeziehungen, ohne die betriebliche Tätigkeit nicht denkbar wäre. Aus diesem Stakeholder-Prinzip ergeben sich aus einer verantwortungsethischen Sicht erweiterte Verpflichtungen gegenüber vielen Entitäten, auf die der Geschäftsbetrieb Auswirkungen hat. Anders als im Modell der Shareholder-Logik propagiert - dem schmutzigen Stiefkind des Stakeholder-Ansatzes - kann ein Unternehmen nicht ohne diese teils aktiven und oft passiven Beziehungen zu multiplen Anspruchsgruppen existieren. Und wenn im kapitalistischen Verwertungsmodell das Gegenteil praktiziert wird, fallen die zahlreichen Verlierer dieser Arbeitsweise schnell durch das gesellschaftliche Sicherungsnetz – absichtlich.

Dieser Verantwortungsbegriff berührt zunächst das Verhältnis zur eigenen Mitarbeiterschaft, zu Kunden und Geschäftspartnern. Zugleich lässt sich diese Idee von Integrität nicht von der Pflicht trennen, den eigenen Geschäftsgegenstand einer fortwährenden Prüfung zu unterziehen. Unternehmerisches Handeln hat demnach immer Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. In Zeiten des Klimawandels betrifft das mehr denn je alle externen Effekte betrieblicher Wertschöpfung, die genauso oft übersehen wie absichtlich nicht eingepreist werden.


Die Mobilitätswende in der freien familiengeführten Kfz-Meisterwerkstatt
Im Fall unserer freien Kfz-Meisterwerkstätten führt das nicht nur zu gesellschaftlichen Verdrängungsleistungen (bspw. Reifenabrieb auf deutschen Straßen), sondern auch zu selten gestellten Fragen: Ist der Betrieb konventioneller Autohäuser ab einer Erderwärmung von 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit ethisch überhaupt noch zu verantworten?

In dieser verantwortungsethischen Perspektive gehörten Autohäuser über Jahrzehnte zu einem stabilen Wirtschaftszweig mit wenig volatilen Geschäftsgegenständen. Ein aparter Club in Rom beleuchtete vielleicht bereits in den 1970er Jahren viele vermeintlich unerschütterliche Grundfesten des westlichen Wachstumskonzepts. Deutsche Automotives aber stellten sich über viele Dekaden nur wenige grundlegende Richtungsfragen. Tempolimit unlimited. Abgesehen von sekundären Randbedingungen, wie dem Outsourcing des Räderhotels oder dem Wechsel des Öl-Lieferanten, gab es in den allermeisten Unternehmen unserer Branche lange keine fundamentalen Strategiediskussionen. Nach dem Abzug dieses Blockadehochs hat sich unser Wirtschaftszweig in der Verkehrswende schlagartig in stürmisches Wetter katapultiert.  

Getrieben durch Digitalisierung und Klimawandel entwickeln ungezählte Start-Ups emissionsarme Fahrzeuge. Autohäuser werden davon wenig profitieren. Hersteller investieren in Batterietechnologien, aber der Wandel ist tiefergehend. Alleine im Jahr 2020 brach der Autoabsatz um zwanzig Prozent ein und Wartungsarbeiten als Download machen Werkstätten zunehmend überflüssig. Diese Revolution überleben nur die Gestalter des Wandels

Mobilitätshäuser sind die Brücke in diese Zukunft.

Zusammen mit freien Werkstätten verfügen wir Autohäuser in der Fläche über die breiteste Struktur aller Mobilitätsdienstleister. Sollen möglichst viele Menschen in ihrem Mobilitätsverhalten erreicht werden, zumal in ländlichen Einzugsgebieten, sind wir die unerlässlichen Gestalter der Verkehrswende. Autohäuser verfügen vor Ort oft über ein hohes Maß an Vertrauen, der Werkstattmeister ist oft Respektsperson. Wir erreichen Autofahrer*innen direkt vor Ort.

Wo bisher der Verkauf von Kraftfahrzeugen und deren Reparatur im Vordergrund steht, können wir in Zukunft allen Autofahrer*innen auch andere innovative, nachhaltige und lokal passende Lösungen für eine nachhaltige Fortbewegung anbieten. Wir verlassen aber auch bewährte Wege, wenn wir zu Knotenpunkten einer solchen neuen Mobilitätskultur werden wollen. Dafür ist ein Paradigmenwechsel notwendig:

Autohäuser müssen zu einer Art Vermittler zwischen Markt, Staat und Zivilgesellschaft werden. Wir sind weiterhin Wirtschaftsunternehmen mit Werkstatt und Handel, müssen aber auch zu Knotenpunkten von Verkehrswendepolitik und Mobilitäts-Beratung werden. So wenig diese kooperative Arbeits- und Denkweise in der Kfz-Branche bislang verbreitet ist, wird es genau auf diese vermittelnden Eigenschaften ankommen, um möglichst viele Menschen auf dem Weg in eine neue Mobilitätskultur mitzunehmen. Dafür sind 3 Zielgruppen zu unterscheiden:

  • Zielgruppe 1 umfasst alle Endkunden;

  • Zielgruppe 2 umfasst alle Branchenkolleg*innen;

  • Zielgruppe 3 umfasst alle Bildungsträger.

Als Inhaberfamilie einer kleinen Werkstatt-Gruppe im Berliner Norden in 2. Generation ist es unsere Absicht, entlang dieser Zielgruppen den Weg für die Transformation von Autohäusern zu sogenannten Mobilitätshäusern vorzubereiten. Dafür verändern wir zunächst die Art, wie unser Autohaus arbeitet. Als lokales Beispiel zeigen wir, wie der Weg in eine andere Autokultur aussehen könnte. Dafür haben wir in unserer Unternehmerfamilie die Chancen der Corona-Pandemie genutzt und im Frühjahr 2021 die Mobilitätshaus GmbH gegründet.

Das Herzstück dieser Transformation ist unsere ganzheitliche Mobilitätsberatung. Dafür entwickeln wir 10 Beratungs- und Service-Bausteine, die das Ziel verbindet, Mobilitätsverhalten zu verändern und neue Wertschöpfungsprozesse im Autohaus zu definieren. Im Einzelnen:

  • (1) Mobilitätsberatung B2C;

  • (2) Mobilitätsberatung B2B;

  • (3) Mobilitätsberatung B2G;

  • (4) Mobilitätsberatung Nonprofits;

  • (5) Mobilitätsberatung Ridepooling;

  • (6) Transformationsberatung Autohausinhaber*innen;

  • (7) Transformationsberatung mittleres Management;

  • (8) Transformationsberatung Autoverkäufer*innen;

  • (9) Reparatur & Servicing für Lastenfahrräder;

  • (10) Energieberatung.

Wir Autohäuser halten die Verkehrswende nicht auf. Von damit einhergehenden Veränderungen in unserer Branche können wir aber profitieren! Dafür müssen wir offen sein für neue Technologien und für neue Mobilitätsbedürfnisse. Auf dem Weg in diese Zukunft klimafreundlicher Mobilitätskombinationen sind Hürden abzubauen, ist Wissen zu schaffen und gemeinsame Überzeugungsarbeit zu leisten. Wir müssen dafür zu Gestaltern des Wandels werden.

In der Kfz-Branche sind die Grundlagen batterieelektrischer Antriebe bereits seit mehr als 100 Jahren bekannt. Der Volkswagen-Konzern führte bereits in den frühen 1990er Jahren Fahrzeugmodelle ein, die weniger als 3 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern verbrauchten. Aber Wenige hatten Interessen an diesen Technologien. Das fossile Geld verdiente sich zu leicht.

Aber wenn Demokratie kein Bürgerrecht ist und deren Fundamente nicht in einer funktionierenden Gewaltenteilung und pluralen Zivilgesellschaft allein liegen, sondern auch in einem zugewandten und integren Mittelstand, müssen wir handeln. Ja, als Unternehmer in 2. Generation bin ich fest davon überzeugt, Böckenförde gerade in der Wirtschaftspolitik und sozialen Marktwirtschaft neu interpretieren zu müssen! Wir dürfen uns nicht ausruhen.

Wer, wenn nicht wir Inhaberunternehmer*innen der nach 1970 Geborenen könnten uns diesen grundlegenden Herausforderungen stellen? Lange Zeit war es Vision, heute ist es Realität: wir können nur gemeinsam erfolgreich sein! Wir müssen   V e r a n t w o r t u n g   f ü r   T r a n s f o r m a t i o n   übernehmen! Das war nie deutlicher sichtbar als in unserer Gegenwart, in der Energie-, Klima-, Migrations-, Gesundheits- und Klimakrisen ineinander übergehen. Wir sind die Auserwählten. Das klingt pathetisch, ist aber schlicht die Folge des Versagens der Älteren.

Diese negative Bilanz ist eine klima- und gesellschaftspolitische Abrechnung.

Die Schaffenskraft und Lebenswerke der heute Siebzigjährigen sind dadurch nicht per se in Abrede gestellt. Gerade im deutschen Mittelstand gibt es seit jeher ein ausgeprägtes Bewusstsein für den Zusammenhang von Risiko und Haftung. Das ist die essentielle Grundlage nicht nur für den wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch für eine hohe Gemeinwohlorientierung wirtschaftlichen Handelns im Generellen. Wären da nur nicht die negativen externen Effekte … 

… nach mir die Sintflut ist daher kein tragfähiges Geschäftskonzept mehr.

Unsere positiv-progressive Gestaltungshoheit über den Mainstream in Wirtschaft und Politik ist in vielen Ländern der westlichen Welt nur einen Steinwurf entfernt! Wir müssen uns unser Recht auf das Normative nur nehmen. Lasst uns die Deutungshoheit zurückgewinnen.

Wir sind die Generation Y.

Kein Ertrag ohne Verantwortung.

Gewinn nur mit Sinn.

Wir gestalten Transformation!

Der Autor lebt in einem Holzhaus, ist passionierter Fahrradfahrer und Politikwissenschaftler sowie Familienunternehmer in 2. Generation, Vorsitzender von Unternehmen Verantwortung Gesellschaft e. V. & Gründer eines Verkehrswende-Startups (www.mobilitaetshaus.eu).

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Veröffentlicht am 09. Mai 2022

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